Polsterstoffe: was Scheuertouren und Lichtechtheit sagen

Lorenz Laurent – Cremefarbener Bouclé-Bezugsstoff mit dicht gedrehten Schlingen

Ein Bezugsstoff ist die einzige Stelle an einem Möbelstück, die jeden Tag angefasst wird. Er entscheidet, wie das Stück sich anfühlt, wie es nach fünf Jahren aussieht und ob eine Katze im Haus ein Problem ist. Und er ist die Stelle, an der Datenblätter am ehrlichsten sind, weil es für Bezüge messbare Werte gibt.

Zwei Zahlen stehen auf fast jedem Datenblatt, und wer sie einmal einordnen kann, braucht keine Beratung mehr. Danach entscheidet nur noch, wie das jeweilige Gewebe altert, und das ist bei Bouclé, Velours und Leder sehr unterschiedlich.

Scheuertouren: was die erste Zahl bedeutet

Für die Abriebfestigkeit gibt es ein genormtes Verfahren, die Martindale-Methode nach DIN EN ISO 12947. Ein Stück Stoff wird unter festgelegtem Druck in einer Achterbewegung gerieben, bis die ersten Fäden brechen. Die Zahl der Umdrehungen bis dahin sind die Scheuertouren.

Die Richtwerte für den Wohnbereich: 10.000 Touren reichen für ein Möbelstück, das selten benutzt wird. 15.000 gelten als Untergrenze für regelmäßige Nutzung. Für ein Sofa, auf dem täglich gesessen wird, werden 15.000 bis 25.000 empfohlen, und ab etwa 20.000 gilt ein Wert als gut. Im Objektbereich beginnt die Skala erst dort: 20.000 für regelmäßige, 30.000 für intensive, 40.000 für sehr starke Nutzung.

Was die Zahl nicht sagt: wie sich der Stoff anfühlt, ob er Flecken annimmt und ob er nach zwei Jahren noppt. Sie misst genau eine Eigenschaft. Ein Wert von 100.000 auf einem Stoff, der sich anfühlt wie ein Kartoffelsack, ist trotzdem kein guter Bezug.

Lichtechtheit: die zweite Zahl

Farben bleichen aus, und wie schnell, lässt sich ebenfalls messen. Für die Lichtechtheit nach DIN EN ISO 105-B02 werden acht blaue Wollstreifen mit bekannter Beständigkeit gemeinsam mit der Probe belichtet. Angegeben wird die Stufe, bei der ein Unterschied sichtbar wird — die Skala reicht von 1 bis 8.

Für Möbelbezüge gelten Stufe 4 bis 5 als Mindestanforderung. Grob gerechnet hält bei dauerhafter direkter Sonne Stufe 5 etwa drei Monate, Stufe 6 etwa ein halbes Jahr, Stufe 7 rund ein Jahr, bevor eine Veränderung sichtbar wird. Das klingt kurz und ist es auch. Ein farbiges Sofa steht deshalb besser nicht dauerhaft im Südfenster, egal welche Stufe auf dem Datenblatt steht.

Wer ein Möbelstück an einen hellen Platz stellt, wählt entweder eine hohe Stufe oder eine Farbe, der Ausbleichen wenig anhaben kann. Ungefärbte und sehr helle Naturtöne verzeihen es am ehesten.

Bouclé: die Schlinge ist die Stärke und die Schwäche

Bouclé besteht aus vielen kleinen, locker gedrehten Schlingen. Sie erzeugen die wollige Oberfläche und den Schatten, der das Gewebe so lebendig macht. Die Optik entsteht also nicht durch Farbe, sondern durch Struktur. Deshalb wirkt Bouclé auch in einem einzigen hellen Ton nie flach.

Dieselbe Schlinge ist die Schwachstelle. Eine spitze Kralle fährt hinein, hakt sich fest und zieht beim Zurückziehen einen Faden heraus. Ein Fadenzieher im Bouclé ist auffälliger als in einem glatten Gewebe, weil die Struktur an der Stelle aufreißt.

Zwei Dinge helfen. Erstens die Faser: Ein Bouclé aus synthetischem Garn ist glatter und fester als eines aus Wolle, die Kralle findet weniger Halt. Zweitens die Webart: Je enger und geschlossener die Schlingen sitzen, desto weniger passiert. Ein hochwertiges Bouclé ist deutlich unempfindlicher als ein offenes, lockeres.

Wer Katzen hat und trotzdem Bouclé will, nimmt also die synthetische, eng gewebte Variante und nicht die weiche Wollversion.

Velours und der Sitzspiegel

Florstoffe haben eine Strichrichtung. Unter Druck und Körperwärme legt sich der Flor um, und weil er das Licht dann anders zurückwirft, entstehen hellere und dunklere Flächen. Das ist der Sitzspiegel.

Er wird regelmäßig als Mangel reklamiert und ist keiner. Er ist die normale Reaktion eines Florgewebes auf Benutzung, und er tritt bei jedem Velours auf, unabhängig vom Preis. Wer ihn nicht mag, sollte keinen Florstoff nehmen. Es gibt keine Ausführung, die davon ausgenommen ist.

Klein halten lässt er sich schon: Gelegentliches Aufbürsten gegen die Strichrichtung stellt den Flor wieder auf und gleicht die Flächen an. Ein paar Minuten mit einer weichen Bürste reichen.

Leder: was Patina ist und was Verschleiß

Polsterleder gibt es in drei Abstufungen. Offenporiges Anilinleder ist nur durchgefärbt, sonst unbehandelt; man sieht jede Narbe, jede Ader, jede Stelle, an der das Tier gelebt hat. Semi-Anilin bekommt eine dünne Deckschicht, pigmentiertes Leder eine geschlossene.

Je offener das Leder, desto mehr nimmt es an. Es dunkelt nach, es glänzt an den Stellen, an denen es berührt wird, es bekommt Falten dort, wo jemand sitzt. Genau das ist der Grund, warum offenporiges Leder gekauft wird: Es sieht nach zehn Jahren besser aus als nach einem.

Der Preis dafür ist Empfindlichkeit. Anilinleder nimmt Flecken auf, Fett zieht ein, ein verschütteter Rotwein bleibt. Pigmentiertes Leder verzeiht das, entwickelt dafür aber kaum Patina und sieht am Ende eher abgenutzt aus als gereift. Das ist eine Entscheidung, keine Qualitätsfrage.

Kunstleder hat ein Ablaufdatum

Kunstleder ist kein Leder. Es ist ein Textilträger mit einer Beschichtung aus Polyurethan, und diese Beschichtung altert chemisch. Wärme und Feuchtigkeit spalten die Polymerketten auf, ein Vorgang, der Hydrolyse heißt.

Der Ablauf ist bei jedem Stück derselbe: Die Oberfläche wird zuerst klebrig, dann schuppig, dann löst sie sich in Fetzen. UV-Strahlung beschleunigt es, Hautfett und Salz ebenfalls. Angefangen wird immer an den Faltkanten und in der Sitzmulde, also dort, wo das Material bewegt und berührt wird. Moderne Kunstleder enthalten weniger Weichmacher als frühere und halten länger, aber der Vorgang selbst ist nicht abstellbar.

Der entscheidende Unterschied zu Textil und Leder: Kunstleder altert zeitabhängig, nicht nur nutzungsabhängig. Ein wenig benutztes Kunstledersofa im warmen Raum zerfällt trotzdem. Wie viele Jahre es hält, lässt sich nicht seriös sagen — dazu gibt es keine belastbare Zahl, nur Erfahrungswerte, die je nach Raum und Nutzung weit auseinanderliegen.

Das heißt nicht, dass Kunstleder nichts taugt. Es heißt, dass es ein Verbrauchsmaterial ist und nicht mit einem Ledersofa verglichen werden sollte, das man vererbt.

Pflege: wenig, aber regelmäßig

Für fast jeden Bezug gilt dasselbe. Absaugen mit weicher Düse entfernt den Staub, der beim Sitzen wie Schmirgel zwischen den Fasern arbeitet. Das ist die wirksamste Einzelmaßnahme und wird am häufigsten vergessen. Flecken werden getupft, nicht gerieben, und von außen nach innen, damit der Rand nicht wandert.

Florstoffe brauchen zusätzlich die Bürste, Bouclé am besten gar keine mechanische Behandlung außer Absaugen. Leder verträgt einen trockenen oder leicht feuchten Lappen; Reinigungsmittel gehören nur dann darauf, wenn der Hersteller sie nennt. Und bei jedem Bezug gilt: erst an einer verdeckten Stelle probieren.

Häufige Fragen

Wie viele Scheuertouren sollte ein Sofa haben?
Für den Wohnbereich werden 15.000 bis 25.000 empfohlen, ab etwa 20.000 gilt der Wert als gut. 10.000 reichen für selten benutzte Möbel. Höhere Werte stammen aus dem Objektbereich und sind für zu Hause selten nötig.

Was bedeutet Lichtechtheit Stufe 5?
Sie stammt aus einer Skala von 1 bis 8 nach DIN EN ISO 105-B02. Bei dauerhafter direkter Sonne wird nach etwa drei Monaten ein Unterschied sichtbar. Für Möbelbezüge gelten Stufe 4 bis 5 als Mindestanforderung.

Ist Bouclé mit Katzen möglich?
Mit Einschränkung. Krallen fangen sich in den Schlingen und ziehen Fäden. Ein eng gewebtes Bouclé aus synthetischem Garn ist deutlich unempfindlicher als ein lockeres aus Wolle.

Ist der Sitzspiegel bei Velours ein Mangel?
Nein. Der Flor legt sich unter Druck und Wärme um und wirft das Licht anders zurück. Das tritt bei jedem Florstoff auf. Aufbürsten gegen die Strichrichtung gleicht es weitgehend wieder aus.

Warum wird Kunstleder klebrig und blättert ab?
Wärme und Feuchtigkeit spalten die Polyurethan-Beschichtung auf. Die Oberfläche wird erst klebrig, dann schuppig und löst sich schließlich, zuerst an Faltkanten und in der Sitzmulde. UV und Hautfett beschleunigen das.

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