Warum ein Raum unruhig wirkt, obwohl jedes Stück schön ist

Ruhig eingerichteter Wohnraum mit wenigen, abgestimmten Stücken – Lorenz Laurent Home

Es gibt Räume, in denen jedes einzelne Stück gut ist und das Ganze trotzdem nicht zur Ruhe kommt. Der Teppich stimmt, das Sofa stimmt, die Vase war eine bewusste Entscheidung. Und beim Betreten weiß das Auge nicht, wohin. Das ist selten ein Geschmacksproblem. Meistens ist es ein Mengenproblem, und Mengen lassen sich zählen.

Die Anzahl, nicht die Auswahl

Der erste Schritt ist unangenehm und dauert zehn Minuten: alle sichtbaren Objekte in einem Raum zählen. Gemeint sind Dinge auf Flächen, keine Möbel. Vasen, Kerzen, Schalen, Rahmen, Bücherstapel, Pflanzen, Ladegeräte, die Fernbedienung der Klimaanlage, das Nasenspray auf dem Beistelltisch.

Die Zahl liegt fast immer deutlich höher als vorher geschätzt. Genau darin liegt der Punkt: Unruhe entsteht durch Dinge, die man nicht mehr sieht, weil sie schon lange dort liegen.

Eine Regel, die im Alltag trägt: pro laufendem Meter Ablagefläche höchstens zwei Objektgruppen, und mindestens die Hälfte der Fläche bleibt frei. Ein Sideboard von 180 Zentimetern trägt danach drei Gruppen, nicht zwölf Einzelstücke.

Freie Fläche ist kein Verzicht, sondern die Bedingung dafür, dass das Übrige überhaupt gesehen wird. Ein Objekt mit 30 Zentimetern Luft ringsum ist ein Objekt. Dasselbe Objekt mit drei Zentimetern Luft ist Teil einer Ansammlung.

Die Farben, die niemand ausgesucht hat

Die zweite Zahl ist die Anzahl der Farben. Wer sie zählt, zählt meist nur die gewollten: Wandfarbe, Holzton, Teppich, Bezugsstoff. Vier oder fünf, alles im Griff.

Die ungewollten kommen von Verpackungen. Ein Regal mit sechzig Taschenbüchern zeigt Dutzende Rückenfarben, Verlagslogos, Schriftgrößen und Schriftschnitte. Das ist mehr visuelle Information als der gesamte Rest des Raumes zusammen. Dazu kommen die Rückseiten von Elektronik, weiße Kabelbinder, Ladegeräte, die Beschriftung einer Fernbedienung, ein Router mit blauer Kontrollleuchte.

Diese Farben waren keine Entscheidung, sie wurden mitgeliefert. Sie sind der Unterschied zwischen einem Raum mit fünf Farben und einem mit dreißig.

An dieser Stelle wird es unbequem, weil die naheliegende Lösung nach Etikettenschwindel klingt: Bücher umdrehen, sodass die Schnitte nach vorn zeigen. Das funktioniert optisch, macht die Bibliothek aber unbenutzbar. Der ehrlichere Weg ist, die Buchmenge auf ein Regalfach zu begrenzen und den Rest woanders unterzubringen. Wer viel liest, akzeptiert bunte Rücken als Teil des Raumes. Beides ist vertretbar. Nur beides gleichzeitig zu wollen, funktioniert nicht.

Ein Test dauert eine Minute: ein Handyfoto vom Raum machen und in Schwarzweiß umwandeln. Wirkt das Bild sofort ruhiger, liegt das Problem bei den Farben. Bleibt es unruhig, liegt es an der Anzahl und Verteilung der Formen.

Kabel sind Linien, keine Details

Hinter einem Fernseher liegen üblicherweise vier bis sechs Kabel, an einem Arbeitsplatz drei bis fünf, an jeder Stehleuchte eines. Jedes davon zieht eine Linie durch den Raum, die keiner Ordnung folgt.

Das Auge erfasst Linien schneller als Farbflächen, weil es Kanten sucht, um Räume zu verstehen. Ein diagonal über die Wand laufendes Kabel wirkt deshalb störender als eine falsch gewählte Vase. Wird das Kabel entlang der Sockelleiste oder hinter dem Möbel geführt, gebündelt mit einem Kabelschlauch oder schlicht mit ein paar Klettbindern, verschwindet es aus dieser Wahrnehmung fast vollständig.

Der zweite Punkt betrifft den Abend. Standby-Leuchten in Blau oder Rot sind winzig, aber sie sind die hellsten Punkte im dunklen Raum und ziehen den Blick zuverlässig an. Ein Streifen schwarzes Isolierband löst das Problem dauerhaft.

Sichtachsen: was vom Türrahmen aus zu sehen ist

Wie ein Raum wirkt, entscheidet sich dort, wo man ihn betritt. In den ersten Sekunden erfasst das Auge die Achse geradeaus von der Tür.

Praktisch heißt das: im Türrahmen stehen bleiben und nur ansehen, was direkt in dieser Linie liegt. Dort steht überraschend oft das, worüber nie nachgedacht wurde. Die Rückseite eines Sessels mit sichtbarem Gurtband. Ein Heizkörper. Die Schmalseite eines Regals mit Ordnern. Ein Wäscheständer, der eigentlich nur kurz dort stehen sollte und seit vier Monaten dort steht.

Führen zwei Türen in einen Raum, gibt es zwei Achsen, und beide zählen. Eine Anordnung, die von der einen Seite ruhig wirkt, kann von der anderen zerfallen. Wer diese zweite Achse prüft, findet die Ursache oft in fünf Minuten.

Das leere Band auf Augenhöhe

Zwischen etwa 1,40 und 1,80 Metern über dem Boden liegt der Bereich, den ein stehender Mensch ohne Kopfbewegung sieht. In vielen Wohnräumen ist genau dieses Band leer. Die Möbel enden bei 80 Zentimetern, das nächste Objekt ist die Deckenleuchte auf 2,40 Metern.

Der Blick sucht dann nach unten und findet dort alles auf einmal. Die Unruhe entsteht in diesem Fall nicht, weil unten zu viel steht, sondern weil oben nichts steht. Das ist der Grund, warum manche Räume auch nach dem Aufräumen nicht ruhiger wirken.

Als Höhe für Bilder gilt Bildmitte auf 145 bis 150 Zentimetern über dem Boden, das entspricht der üblichen Hängehöhe in Museen und Galerien. Über einem Sofa greift eine andere Regel: Die Unterkante liegt 20 bis 25 Zentimeter über der Rückenlehne, sonst sieht man beim Sitzen ständig gegen die Rahmenkante.

Womit sich am schnellsten etwas ändert

Zuerst kommt alles weg, was Verpackung ist: Kartons, Etiketten, Plastikschalen, Werbeaufdrucke. Das kostet nichts und nimmt die meisten der ungewollten Farben mit.

Dann werden Kleinteile zusammengefasst. Ein Tablett verwandelt fünf Einzelstücke in eine Kontur. Was innerhalb einer solchen Kante liegt, zählt für das Auge als ein Objekt, weil der Blick eine geschlossene Form nicht weiter zerlegt, solange sie ruhig begrenzt ist.

Für die Größe hilft ein einfacher Anhaltspunkt: Ein Tablett sollte etwa ein Drittel bis die Hälfte der Länge einer Ablagefläche einnehmen. Kleiner wirkt es wie ein weiteres Einzelteil, größer bleibt ringsum zu wenig freie Fläche. Praktisch im Alltag ist außerdem ein geringes Eigengewicht: Ein leichtes Tablett lässt sich beim Abstauben in einer Hand anheben, die Gruppe bleibt dabei zusammen und muss nicht neu arrangiert werden. Genau daran scheitern viele Arrangements nämlich nicht beim Aufbauen, sondern beim Putzen.

Zuletzt wird ein Drittel der verbliebenen Objekte für zwei Wochen in eine Kiste geräumt. Was danach fehlt, kommt zurück. Erfahrungsgemäß ist das weniger, als man denkt.

Häufige Fragen

Warum wirkt ein Raum unruhig, obwohl alle Stücke schön sind?
Weil Unruhe nicht von der Qualität einzelner Objekte kommt, sondern von ihrer Anzahl, der Zahl unterschiedlicher Farben und von Linien wie Kabeln. Jedes Stück kann gut sein und die Summe trotzdem nicht funktionieren.

Wie viele Objekte gehören auf eine Ablagefläche?
Als Richtwert höchstens zwei Objektgruppen je laufendem Meter, wobei mindestens die Hälfte der Fläche frei bleibt. Auf einem Sideboard von 180 Zentimetern sind das drei Gruppen.

Wie viele Farben verträgt ein Raum?
Vier bis fünf bewusst gewählte Farben genügen. Das eigentliche Problem sind ungewollte Farben aus Verpackungen, Buchrücken und Elektronik, die die Zahl leicht auf dreißig treiben.

Was hat es mit Sichtachsen auf sich?
Der Blick von der Tür aus geradeaus bestimmt den ersten Eindruck. Was in dieser Linie liegt, wird zuerst gesehen. Bei zwei Zugängen gibt es zwei Achsen, und beide sollten geprüft werden.

Auf welcher Höhe hängen Bilder?
Bildmitte auf 145 bis 150 Zentimetern über dem Boden. Über einem Sofa liegt die Unterkante 20 bis 25 Zentimeter über der Rückenlehne, damit man im Sitzen nicht gegen die Rahmenkante sieht.

Alle Dekorationsobjekte im Shop ansehen

Weiter in Journal